Fallout New Vegas

Keine Revolution, dafür gelungene Evolution

Das Intro beschreitet völlig neue Wege der Serie. Man wird nicht in ein Spiel hinein geboren, das sich an der Science Fiction der 50er Jahre mit schwebenden Fahrzeugen, Plasmawaffen und klobigen Robotern auf augenzwinkernde Weise orientiert. Statt dessen verlässt man es bereits in den ersten Minuten. Während das Video noch vom Ödland erzählt, wird umringt von einigen zwielichtigen Gestalten ein Grab ausgehoben. Dieses dient dem Spieler, denn das erste was dem Spieler in der Rolle eines Kuriers widerfährt, ist eine Kugel in den Kopf. Von einem Roboter namens Victor ausgegraben und von einem nahen Arzt versorgt, hapert es anfangs an Gedächtnis und Fähigkeiten. Während der Untersuchung wird nach alten Muster ein Charakter angelegt und dieser auf das Ödland los gelassen um die nähere Umgebung zu erkunden. Bewohner der Ortschaft Goodspring führen einen durch optionale Tutorials, gestrickt in erste einfache Aufträge wie das beseitigen einiger Geckos, dem Sammeln von Pflanzen oder dem Kampf gegen Räuber.

Früh fällt die organischere Stimmung des Spiels, durch mehr Orte und Pflanzen auf.

Erst wenn das offene Startgebiet verlassen und das weitere Umland angesteuert wird, fragt das Spiel noch einmal nach ob man mit Aussehen des Charakters und seinen Fähigkeiten zufrieden ist. Der Einstieg ist somit offener und weniger aufgesetzt wie die ersten Jahre in Fallout 3. Allgemein sind die meisten Orte nicht mehr so in sich geschlossen wie die Vaults, Megaton, Rivet City und weitere aus dem Vorgänger. Nur der Strip von New Vegas ist unterteilt in einzelne Ladebildschirme, während sonst jede Ortschaft offen im Ödland liegt und nicht erst vor einem Tor zum laden auffordert. Dadurch ziehen sich Häuser und Siedlungen wesentlich organischer durch das allgemein abwechslungsreichere Ödland.

Mehr Abwechslung für ein schöneres Ödland

Unterschiedlicher könnten die meisten Orte nach wie vor nicht sein. dazu tragen nicht nur der organischere Aufbau und viele neue Grafiksätze bei, sondern nach wie vor die unterschiedlichen Geschichten die diese erzählen. Goodspring ist ein idyllisches Nest, belagert von einigen Pulverbanditen. Forlorn Hope macht als Armeestützspunkt seinem Namen alle Ehre, kämpfen sie doch einen aussichtslosen Kampf gegen die Legion. Im Örtchen Novac dreht sich alles um Souveniers und ein entzwei gerissenes Paar und Indizien darüber im Hotel des Ortes zu suchen sind.  Auf dem Grund des Sees wartet ein uralter Bomber auf Freunde der Unterwasserwelt, und Camp Searchlight wirkt aus der Ferne wie ein friedliches Nest, ist dank eines Anschlags jedoch hochgradig verstrahlt und von Ghulen belebt.

Das Umland von Nevada bietet optisch wesentlich mehr Abwechslung als noch in Fallout 3.

Dazu kommt wesentlich mehr Abwechslung im allgemeinen Bild des Ödlandes. Waren in Fallout 3 geschwungene Hügel und Braun in Grau die Regel, erfreut New Vegas mit größerer Abwechslung. Ein großer See nebst breiten Fluss zieht im Osten durch das Land, sandige Wüstenabschnitte sorgen für gelbliche Töne, mehr Bewuchs gibt nicht nur heilende Pflanzen sondern auch hier und da vereinzelte grüne Flecken zum Vorschein, umrahmt von teilweise sehr imposanten Felsenklippen. Das Ödland hat sich im Jahre 2281 demnach wieder erholt und lässt allmählich wieder Leben zu. Auf den Farmen gibt es nun nicht nur Brahmin und Yak-ähnliche Großhörner, sondern auch Felder auf denen Pflanzen wachsen und gedeihen. Die Ortschaften sind zwar nach wie vor spärlich besiedelt, dafür trifft man nun auch außerhalb der Orte häufiger einzelne Personen und kleinere Gruppen durch das Ödland von Nevada streifen.

Mehr Abwechslung für spannendere Kämpfe

Zusätzliche Waffen, zusätzliche Fähigkeiten das sind Dinge die wären bereits von einem einfachen Addon zu erwarten. So sorgen mehr Waffen und jetzt auch verschiedene Munitionstypen für mehr taktische Vielfalt,  und neue Perks erlauben einen stärkeren Fokus auf die Strategien, doch der größte Unterschied für das Spielgefühl ist der sogenannte Hardcoremodus. Dieser steht auf jedem Schwierigkeitsgrad zur Verfügung und bringt Bedürfnisse und Voraussetzungen in den Spielfluss. So muss der Spieler regelmäßig trinken und speißen, sowie nächtigen. Betten heilen jedoch nicht mehr und Stimpacks heilen keine verkrüppelten Gliedmaßen mehr. Dies verlangt häufigere Besuche bei einem Arzt, sowie ein größeres Sammelsurium verschiedener Nahrungsmittel und Flüssigkeiten um die Bedürfnisse zu stillen. Steigen diese an, gibt es wie bei der Strahlung einen Malus auf die Fähigkeiten des Spielers und im Extremfall den Exitus des Charakters. Da zugleich aber auch die Munition Gewicht aufweist, muss der Platz im Inventar besser gemanaged werden um im Ödland zu überleben.

Warnungen rund um das Startgebiet sollte man ernst nehmen.

In meinem noch anhaltenden Spieldurchlauf kam es einige Male vor, dass mein Charakter hinkend und humpelnd mit verschwommenen Blick durch das Ödland humpelte. Zwar besaß er fünf Waffen jedoch kaum noch Munition, der langsame Gang forderte Tribut in häufigen Hunger und Durst der an den Vorräten zehrte. Und so wurde dann selbst die verstrahlte Dreckpfütze in Kauf genommen um gegen ein höheres Maß an Verstrahlung die Wahrnehmung für einen Augenblick zu verbessern. Da im Echtzeitkampf viele Waffen nun auch über Kimme und Korn abgefeuert werden können, sind eine gesunde Verfassung wichtiger denn je um die Ziele auch außerhalb des VATS noch treffen zu können.

Dieser Ghul wurde in letzter Sekunde von einer Kugel gestoppt.

Ziele von denen es nun reichlich gibt. Zwar wird recycled indem Radscorpione in riesig, normal und winzig, sowie einer anderen Gestalt daher kommen, dafür finden sich zahlreiche neue Bewohner des Ödlandes. Nachtschatten scheinen eine Mischung aus Hund und Hyäne und jagen stets im Rudel. Geckos kennt man aus Fallout 2, sind rasend schnell, manchmal auch riesig groß und Feuer spuckend. Dann gibt es noch fliegende Insekten die sich Cazador nennen und den Helden schneller von den Füßen kippen lassen, als dieser diese riesigen Viecher auf sich zu fliegen sieht.

Die Begleiter bieten schöne Hintergrundinformationen, machen Kämpfe allerdings zu einfach.

Etwas unbalanciert sind trotz Hardcoremodus und schwerer Gegner die eigenen Begleiter. Acht davon gibt es in New Vegas an verschiedenen Orten, und bis zu zwei lassen sich zeitgleich mit durchs Ödland führen. In Gesprächen bringen sie eine eigene Quest und eine eigene Fähigkeit mit. Solange man den Scharfschützen Boone mit sich führt, werden Gegner im Ödland farblich stärker hervor gehoben wenn man die Waffe anlegt. Dies macht das Zielen einfacher. Zugleich schießt Boone mit seinem Scharfschützengewehr allerdings die meisten Gegner schneller aus den Socken als der Spieler diese überhaupt wahrnehmen kann. Durch unbegrenzte Munition und eine Selbstheilung außerhalb von Kämpfen, wird Fallout mit Begleitern gegen Gruppen fast zu leicht. Hier sowie der generell mäßigen KI von Freund und Feind sollte Obsidian noch einmal nachbessern.

Quests und die liebe Moral von der Geschichte

Nach wie vor fällt die Haupthandlung wie in jedem Fallout dürftig aus. Nur lose zieht sich die Rachegeschichte durch das Ödland und wird selbst nach 15 Stunden Spielzeit nur mäßig angesprochen. Zwar kann ich mir zu diesem Zeitpunkt noch kein abschließendes Urteil über den Handlungsstrang bilden, bis New Vegas hinein zeigt sich dieser allerdings dürftig und zu beiläufig. Dafür erfreuen die ganzen Nebenquests der einzelnen Ortschaften umso mehr. In einem alten Forschungskomplex will ein Kult aus Ghulen von der Erde fahren. Ob man den Ghulen dabei behilflich ist oder die Raketen sabotieren lässt, hängt von den Entscheidungen und Fähigkeiten des Spielers ab. Viele Dialogoptionen setzen voraus dass der Spieler eine bestimmte Fähigkeit auf einen Minimalwert gesteigert hat, um von diesen Gebrauch zu machen. Aber auch sonst lassen sich durch Gespräche mit anderen Charakteren Quests oftmals in andere Bahnen lenken.

Flieger grüße mir die Sonne. Ghule erleben eine Himmelsfahrt.

Neu in Fallout New Vegas ist das damit verbundene Ruf-System. Jede Siedlung gehört einer Gruppierung wie der RNK, den Pulverbanditen, Legion oder ähnlichen an. Löst man in Ort A eine Quest die das halbe Dorf auslöscht, hat dies nicht nur dort negative Auswirkungen. In Ort C der ebenfalls der Gruppierung angehört, verweigern Leute fortan Gespräche oder greifen gar an, sollte der Ruf der Fraktion sich nicht wieder bessern. Auf diese Weise kann man es nicht mehr so ohne weiteres allen Gruppierungen recht machen, ohne sich nicht irgendwo doch Feinde zu schaffen. Zündete man in Fallout 3 die Atombombe, so war Megaton Geschichte. Weitere Auswirkungen auf das Spiel hatte dies jedoch nicht. Mit Zündung des Helios-Sateliten vom Sonnenkraftwerk Helios One wurde ein Grupp der RNK gegrillt. Die Folge waren mürrische Vorgesetzte in anderen Stützpunkten und Attentäter die den Charakter tagelang durch die Wüste hetzten, bis kurz vor Ablauf einer Tötungsfrist der Ruf gerade noch ins Neutrale zurück gekippt werden konnte.

Technisch nicht mehr aktuell

Mehr, mehr, mehr und fast alles ein wenig besser gemacht. Leider hat sich bei der Technik zu wenig getan. Dass der Look und das Spielgefühl Fallout 3 gleichen wie ein Ei dem Anderen hat einen einfachen Grund. Das technische Gerüst ist das gleiche, selbst Texturen und Grafiksets sind zum größten Teil direkt übernommen worden. Nach wie vor sind viele Objekte kantig und arm an Polygonen, zeigt sich die KI hilflos sobald man auf einem Fels steht, und ruckeln die Animationen hölzern durch das Ödland.

Orange statt grün, dafür so unübersichtlich wie eh und je: Die Menübildschirme von Fallout New Vegas.

Die Menüs sind nach wie vor auf die Konsolen-Portierungen ausgelegt und die großen Schriften bieten entsprechend wenig Text auf dem Bildschirm. Hier sollte auf die Modder-Community gesetzt werden, die schon beim Vorgänger in kurzer Zeit handlichere und übersichtlichere Interfaces gestaltet hat. Und obwohl sich die Hardwareanforderungen nicht zu sehr geändert haben, ruckelt es auf dem Strip von New Vegas gerne das ein oder andere Male aufgrund der vielen Lichter, wenngleich unerwartet wenige Passanten auf den Straßen herum spazieren.

Bei solchen Anblicken vergisst man kurz den technischen Rückstand den Fallout New Vegas aufweist.

Fazit

Inhaltlich ist Fallout New Vegas eigentlich nichts anderes als Fallout 3 mit einigen Mods aus der Fanszene, sowie einer neuen Handlung und Landschaft. Das Spielgefühl könnte vertrauter nicht sein, das Balancing ist etwas fordernder, die Landschaft abwechslungsreicher. Ansonsten ist alles beim Alten. Die Orte sind zahlreich, die Quests abwechslungsreich aber selten tiefgründig und das Erkunden der Spielwelt reizvoller als das Erfahren der Geschichte. Wer deutliche Mängel an Fallout 3 gesehen hat wird diese vermutlich auch noch in New Vegas wieder finden. Wer Fallout 3 hingegen mochte und einfach mehr möchte, kann sich Fallout New Vegas ohne weiteres zu legen und für dutzende Stunden in Nevada versinken. Nach knapp 19 Stunden Spielzeit sind noch immer viele Bereiche der Spielwelt unentdeckt und die meisten Orte weitgehend unerforscht. 50 – 60 Stunden Spielzeit aufwärts dürften für neugierige Spieler ohne weiteres zu erreichen sein, eh das Ödland ein vertrauter Ort wird. So viel Umfang bieten nach wie vor nur sehr wenige Spiele.

4 Kommentare

  1. Schöner Artikel! Vor allem die Einleitung und die vielen Screenshots gefallen mir.

    Ich belese mich zur Zeit in diversen Blogs zum Thema F:NV. Ob es wirklich einen Kauf wert ist. Zur Zeit schrecken mich noch die vielen beschriebenen Bugs ab.

    Weiterhin habe ich gelesen, dass die Welt im Vergleich zu Fallout 3 doch etwas karg, trist und vor allem weniger detailliert im Sinne von aktiven Gegenständen ist. Bei dir lese ich, dass die Welt schöner dargestellt und detaillierter ist als bei Fallout 3. Findest du, dass die „nehmbaren Gegenstände“ im Vergleich zu Fallout 3 weniger geworden sind?

    1. Hallo Patrick,

      danke für deinen Kommentar und deine Gedanken. Es ist wohl wirklich nicht leicht zu beantworten. Ob es den Geschmack trifft, daran scheiden sich die Geister.
      Die Häufigkeit der Bugs ist so eine Sache. In Fallout 3 kämpfe ich heute noch mit Performanceeinbrüchen nach einiger Spielzeit und spinnenden Menüs. Probleme die zumindest ich im Nachfolger nicht habe.
      Während dem ersten – noch ungepatchten – Durchgang hatte ich tatsächlich einige schwerwiegende Bugs die zum Scheitern von drei Missionen führten. Davon abgesehen waren jene Fehler die mir über den Weg liefen Kleinigkeiten. Mal ein doppelt gesprochener Dialog, eine spinnende Animation und ein einzelner Absturz. In der Masse für einen Titel diesen Umfangs zumindest für mein Gemüt vertretbar, schon weil je nach Spielweise und Fraktionsunterstützung etliche neue Quests aufgeworfen werden, oder Quests in anderen Bahnen verlaufen.

      Wenn du mit „nehmbaren“ Gegenständen den optionalen Kleinkram meinst wie Spielzeuge, leere Flaschen, alte Bücher und dergleichen. Von solchem zufälligen Gerümpel liegt tatsächlich nicht mehr ganz so viel herum. Allerdings trifft man auch auf weniger herum stehende Lastentransporter, Lagerhallen oder Regale in denen diese Sachen in der Regel herum kullerten. Ein paar neue Gegenstände sind dazu gekommen, insgesamt hat sich der Umfang in meinen Augen allerdings etwas reduziert und auf das Herstellen von Items und Gegenständen verschoben.
      Was deutlich zugelegt hat sind abwechslungsreichere Landschaftstexturen (leider nicht in Innenbereichen), Zierelemte wie Pflanzen, verschiedenere Steine, Felsen, Zäune Schilder und dergleichen.
      Was ich klar bestätigen kann: New Vegas hat nicht den düsteren Touch einer zerstörten Metropole. Es geht in einen sehr großen Landstrich in dem mehrere Fraktionen die Vorherrschaft anstreben und Jahrhunderte später auch Natur und Alltag ein wenig an Glaubwürdigkeit gewonnen haben. Man sieht weitaus mehr Ansiedlungen, nicht immer bewohnt dafür mit Landwirtschaft in der Umgebung, hat bis auf wenige Ausnahmen keine Ruinen mehr. Das sind von meiner Sicht aus die wesentlichen Unterschiede.

  2. Da hast du wirklich einen schönen Artikel geschrieben. Ich kannte dieses Spiel vorher überhaupt noch nicht. Aber dadurch, dass Du wirklich sehr ausführlich erklärt hast, worum es in diesem RPG geht werde ich jetzt evtl. eine Anschaffung in betracht ziehen. Der Artikel ist dir wirklich gut gelungen! Vorallem gefällt mir, dass du sehr viele Medien mit eingebunden hast. Das Video ist auch echt toll und durch die riesige Bilderstrecke am Ende des Artikels, kann man sich sehr gut einen Eindruck verschaffen, wie Fallout New Vegas eigentlich aussieht… Kurz & knapp: Gut gemacht 🙂

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